Dienstag, 1. Mai 2012
power of pussy
während jenes mädchen also gerade zu erkennen beginnt, was auf sie zukommt, sind wir älteren schon einiges gewohnt. so eine kleine auditive orgasmus-darbietung, gepaart mit weißem chiffon und blonder perücke, mit an-die-brust-greifen und lippen-spitzen ist etwas, das uns ein verschmitztes lächeln aufs gesicht zeichnet. das stimmliche zu-gehör-stellen eines orgasmus, dem wir uns nicht so leicht (wie einem bild) entziehen können, mag das kleine mädchen in uns vielleicht sogar etwas beschämen - irgenwo tief drinnen - allein, zeigen würden wir es nie.
nein, für uns ältere muss sich die kreative zunft schon etwas anderes einfallen lassen, um zu schockieren, um zu entfesseln und letztlich, um zum nachdenken anzuregen.
das stück power of pussy der fräulein wunder ag, eine jener ausgezeichneten freien theatergruppen hildesheimer prägung, die die hiesigen kulturwissenschaftlichen studiengänge so begehrt machen, ist ein solches häppchen schock. nach nunmehr drei jahren in denen dieses stück existiert und in denen ich mich davor gedrückt habe, es anzuschauen - so ekelig wirkten die erzählungen meiner kommiliton_innen auf mich - habe ich mich endlich getraut - und mich gefreut, ein stück neues theater zu sehen, welches nicht an der üblichen zurschaustellung von nacktheit aus feministischer perspektive scheitert, sondern diese gezielt einsetzt, um die wahrnehmung der zuschauenden zu brechen.
zum stück: nachdem ein backlash die matriarchale gesellschaft der zukünftigen ganzen welt gefährdet, macht sich eine truppe mutiger weltraumerober_innen auf in die vergangenheit, um die vergessene frauengeschichte wieder zu entdecken und den eigenen zukünftigen mitmenschen wiederzubringen. Nach einigen kurzen zwischenstops zur französischen revolution (olympe de gouges) und kurz vor einsetzen der frauenwahlrechtsbewegung, folgen längere forschungsaufenthalte zur jahrhundertwende 19./20., in den 1950ern, den 1970ern und am beginn des neuen jahrtausends.
das publikum darf mittels strickzeug-attacke, tomaten-werfen, sprechchöre-anstimmen nie einfach nur seiner voyeuristischen neigung frönen, immer muss es gefahr laufen, angesprochen und mit eingebunden zu werden.
Die §-218-aktion wird mit einem schamesröte-in-die-wangen treibenden vaginalen tomatenwurf in szene gesetzt, der die drastigkeit des staatlichen eingreifens in körperlich-intimste sphären von frauen vorführt. die ebenfalls live aus der vagina getriebene schriftrolle mit dem berühmten satz "ich habe abgetrieben" muss von einigen besucher_innen berührt, hochgehalten und vorgelesen werden.
valie exports tapp-und-tast-kino wird - in leicht abgewandelter form - dem publikum zum reenactment feilgeboten.
die nackten körper der darsteller_innen verweigern sich gängigen schönheitsidealen und befreien so den blick der zuschauer_innen von sexualisierten klischees und geschlechtlichem rollendenken.
interventionistisches wird mit biographischem, popkulturelles mit dokumentarischem theater verbunden zu einem edutainment-abend, der im ersten staatlichen fernsehen auf grund seiner provokation keinen redakteur für sich gewinnen könnte.
während ich mich also endlich mit der inszenierung von nacktheit im neuen theater auseinandersetze und dergerstalt ungewohnten bildern aussetze, die mir in diesem fall gelungen erscheinen, zweifelt interessanterweise fräuleinwunder-mitglied melanie hinz mittlerweile an der wirkung der (weiblichen) nacktheit auf der bühne, die für sie ihre subversive kraft verloren hat.
im nachgespräch kommt die frage nach leerstellen auf, deren ich nach einigem grübeln drei ausmache. erstens: die frage nach den inszenierungen von männlichkeit und deren zwanghafte wirkungen auf menschen mit biologisch als männlich definierten geschlechtsteilen wird angetippt, aber keinesfalls quantitativ gleichwertig zu den tagespolitischen debatten verhandelt. dabei könnte gerade ein feministisches theaterkollektiv wie die fräuleinwunder ag dazu einige interessante einsichten bieten. allerdings stellt sich die frage, ob die verhandlung neuer und alter männlichkeiten von power of pussy geleistet werden sollte, oder ob nicht im sinne einer fortsetzung/trilogie ein weiteres stück theater geschaffen werden müsste. zu diesem schluss kommt letzlich die gesprächsrunde.
zweitens: power of pussy zeigt nicht die geschichte d e s feminismus, was etwas irreführend zum stück geschrieben wird. was sich auf den ersten blick wie korinthenkackerei anhört (ja schon klar, es gibt halt viele verschiedene feminismen, denn schließlich wollen wir ja erneuten kategorisierungen entgehen, bla bla blubb) erhält seine relevanz schon allein aus der dekonstruktivistischen forderung, geschichte nicht mehr nur aus einer perspektive zu erzählen, nämlich der weiß-patriarchal-männlich-wohlhabenden-perspektive. analog zu dieser definition erzählt nun aber power of pussy weitestgehend die jüngere geschichte eines weiß-liberalen wohlstands-feminismus westlicher prägung. das critical crafting, der kampf gegen den abtreibungsparagraphen 218, der tomatenwurf und valie exports tapp-und-tast-kino sind symptome einer bestimmten feministischen strömung westlich-weißer-wohlstandsgesellschaften. und obwohl auch dieser feminismus seine berechtigung hat und wichtige errungenschaften von weltweiter bedeutung vorweisen kann, so sollte dennoch nicht vergessen werden, dass hier nur eine perspektive aufgerollt und verarbeitet wird. Die behandlung der queer-theory fällt dagegen vergleichsweise kurz aus und wird auch nicht weiter problematisiert, oder gegenüber dem gezeigten feministischen ansatz entschieden abgegrenzt. damit spielt power of pussy kritiker_innen, wie martha nussbaum in die hände, die butler als begründerin der queer theory gerade in diese tradition stellen und dafür schärfstens verurteilen. die grabenkämpfe der neunziger zwischen butler-anhänger_innen und butler-gegner_innen bleiben ebenfalls unberücksichtigt, die zäsur des butlerschen theorems erfährt ein understatement.
andere feminismen - etwa der postkoloniale feminismus mit seinen vertreter_innen, wie bell hooks, patricia hill collins, gayatri chakravorty spivak, oder jüngstens jyoti mistry, um nur einige, wenige zu nennen, gibt es in der welt von power of pussy nicht. das ist eigentlich gar nicht schlimm. denn angesichts der vielfalt an positionen sind 90 minuten theater keinesfalls geeignet um alles (gleich) zu behandeln. nur fehlt eben der hinweis und die selbstkritik.
drittens: wo es in einem stück um selbstbestimmung und vor allem körperliche freiheit von frauen geht, wo tomaten und pamphlete aus vaginas getrieben, nackte körper kriegsbemalt und mit tomaten beworfen, bekleckert und eingerieben werden, da kommt die beschäftigung mit marginalen themen innerhalb der dargestellten feministischen strömung ebenfalls viel zu kurz. gerade letztes jahr stellte die ngo terre des femmes ihr jährliches frauenrechtefilmfestival in tuebingen unter das banner der gewaltfreien geburt, um nicht nur gegen die desolate berufliche lage von hausgeburtshebammen in deutschland zu protestieren, sondern das thema, wie frauen gebären (dürfen) generell in den fokus zu nehmen. Auch hier bleibt mindestens eine leerstelle offen, die wohl hinreichend mit den eigenen biographischen zugängen der schauspieler_innen zu erklären ist.
die dezidierte auseinandersetzung mit diesem thema treibt mich hin zu einem dritten blogeintrag, dem ich mich in kürze widmen werden und der den bogen zwischen dem mädchen mit dem unwilligen schamgefühl gegenüber der zurschaugestellten objektivierten weiblichen ideal-sexualität, über die unabhängigen selbstverwirklichungs-orientierten thirtysomething-fräuleins 1990er-Prägung, hin zu der frage nach feministischen müttern spannt. welches wissen wird uns - mit unserem einverständnis - vorenthalten? welcher erfahrungen werden wir beraubt und berauben wir uns selber? auf welchen ebenen findet versklavung, objektivierung, pathologisierung des weiblichen körpers weiterhin statt - auch hier wieder: mit unserem einverständnis und zuspruch?
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