Samstag, 5. Mai 2012

5.mai - welthebammentag

Die gewaltfreie geburt geht untrennbar einher mit dem berufsstand der hebammen - einer gefährdeten spezies, nicht nur in deutschland. 1) 2010 wurde vom deutschen hebammenverband eine petition ins leben gerufen, um die prekäre finanzielle situation der hebammen in deutschland - die sich mit drastischem anheben der berufshaftpflicht in 2010 nur noch verschärfte - auf die tagesordnung des bundestages zu bringen. knapp 200.000 menschen unterschrieben, es folgten demonstrationen und weitere aktionen. geändert hat sich jedoch bis heute nichts. hier der link zur erfolgreichsten e-petition deutschlands
2) im november 2011 veranstaltete die ngo terre des femmes ihr 11. tuebinger frauenrechtefilmfestival unter dem motto "menschenrecht gewaltfreie geburt, ein plädoyer für die hebammenkunst".
"Worum geht es in dem Themenfokus? Ungeborene haben wenig Chancen, in ein "Baby-freundliches" Krankenhaus geboren zu werden: nur 12 von 100 Krankenhäusern in Deutschland gehören dieser Initiative an (*www.babyfreundlich.org); Ungeborene sind auch zwischen der 13. Woche und den Geburtswehen nicht vor Körperverletzung geschützt, wohl aber vor der 13. Woche. Ein entsprechender Antrag zur Gesetzesänderung des §218, um diese erstaunliche Gesetzeslücke zu füllen, ist aktuell beim Bundestag von vier Organisationen eingereicht worden, die sich gegen Gewalt an Ungeborenen und Babys engagieren Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe werden in entwickelten Ländern wie Deutschland zunehmend von Risikodenken, Technik und einer Fülle diagnostischer Tests dominiert, Schwangerschaft und Geburt werden zum pathologischen Geschehen. Die Fähigkeit der Frauen zu gebären wird durch den oft unnötigen Einsatz von Technik und Medikamenten eingeschränkt und behindert. Auf der anderen Seite der Medaille sterben auf der Welt jährlich immer noch Hunderttausende an Müttern bei der Geburt – fast ausschließlich in den armen Ländern, da sie dort keinen Zugang zu Notfallmedizin haben, unterernährt sind und hygienische Bedingungen unzureichend sind. der für eine humane, natürliche Geburt wesentliche Berufsstand der freien Hebammen ist in Deutschland vom Aussterben bedroht! Enorme Haftpflicht-Versicherungszahlungen, die freie Hebammen selbst tragen müssen, machen das Überleben für sie fast unmöglich, immer mehr Geburtshäuser müssen schließen."
das festival versammelte eine beeindruckende liste an filmischen dokumentationen, führte ein podium durch und organisierte eine hebammen-markt der möglichkeiten. und es benannte insbesondere die us-amerikanische hebamme ina may gaskin (alternativer nobelpreis 2011) und den prominenten prof. alfred rockenschaub.
3) prof. alfred rockenschaub leitete langjährig die semmelweis-klinik in wien und tritt für eine geburtshilfe ein, die sich im besten fall auf intensive geburtsvorbereitung und hebammenkunst beschränkt, was in 98,95% der Geburten in der semmelweis-klinik zu seiner zeit auch durchgeführt werden konnte. In einem filmischen interview zum festival der terre des femmes erläutert er in kurzen, präzisen worten die (fehl-)entwicklung der geburtshilfe in den letzten jahrhunderten. etwas ausführlicher ist ein interview auf dem forum.sexualaufklärung zu finden. sein buch "gebären ohne aberglaube: fibel und plädoyer für die hebammenkunst" reiht sich neben dem titel "die selbstbestimmte​ geburt: handbuch für werdende eltern..." ina may gaskins, sowie der "hebammensprechstunde" ingeborg stadlmanns in die liste der klassiker an weiterführender literatur zum thema ein.

Dienstag, 1. Mai 2012

gewaltfreie geburt n°I

Foto: John Canales, und hier geht's zum video auf you tube

power of pussy

während jenes mädchen also gerade zu erkennen beginnt, was auf sie zukommt, sind wir älteren schon einiges gewohnt. so eine kleine auditive orgasmus-darbietung, gepaart mit weißem chiffon und blonder perücke, mit an-die-brust-greifen und lippen-spitzen ist etwas, das uns ein verschmitztes lächeln aufs gesicht zeichnet. das stimmliche zu-gehör-stellen eines orgasmus, dem wir uns nicht so leicht (wie einem bild) entziehen können, mag das kleine mädchen in uns vielleicht sogar etwas beschämen - irgenwo tief drinnen - allein, zeigen würden wir es nie. nein, für uns ältere muss sich die kreative zunft schon etwas anderes einfallen lassen, um zu schockieren, um zu entfesseln und letztlich, um zum nachdenken anzuregen. das stück power of pussy der fräulein wunder ag, eine jener ausgezeichneten freien theatergruppen hildesheimer prägung, die die hiesigen kulturwissenschaftlichen studiengänge so begehrt machen, ist ein solches häppchen schock. nach nunmehr drei jahren in denen dieses stück existiert und in denen ich mich davor gedrückt habe, es anzuschauen - so ekelig wirkten die erzählungen meiner kommiliton_innen auf mich - habe ich mich endlich getraut - und mich gefreut, ein stück neues theater zu sehen, welches nicht an der üblichen zurschaustellung von nacktheit aus feministischer perspektive scheitert, sondern diese gezielt einsetzt, um die wahrnehmung der zuschauenden zu brechen.
zum stück: nachdem ein backlash die matriarchale gesellschaft der zukünftigen ganzen welt gefährdet, macht sich eine truppe mutiger weltraumerober_innen auf in die vergangenheit, um die vergessene frauengeschichte wieder zu entdecken und den eigenen zukünftigen mitmenschen wiederzubringen. Nach einigen kurzen zwischenstops zur französischen revolution (olympe de gouges) und kurz vor einsetzen der frauenwahlrechtsbewegung, folgen längere forschungsaufenthalte zur jahrhundertwende 19./20., in den 1950ern, den 1970ern und am beginn des neuen jahrtausends. das publikum darf mittels strickzeug-attacke, tomaten-werfen, sprechchöre-anstimmen nie einfach nur seiner voyeuristischen neigung frönen, immer muss es gefahr laufen, angesprochen und mit eingebunden zu werden. Die §-218-aktion wird mit einem schamesröte-in-die-wangen treibenden vaginalen tomatenwurf in szene gesetzt, der die drastigkeit des staatlichen eingreifens in körperlich-intimste sphären von frauen vorführt. die ebenfalls live aus der vagina getriebene schriftrolle mit dem berühmten satz "ich habe abgetrieben" muss von einigen besucher_innen berührt, hochgehalten und vorgelesen werden. valie exports tapp-und-tast-kino wird - in leicht abgewandelter form - dem publikum zum reenactment feilgeboten. die nackten körper der darsteller_innen verweigern sich gängigen schönheitsidealen und befreien so den blick der zuschauer_innen von sexualisierten klischees und geschlechtlichem rollendenken. interventionistisches wird mit biographischem, popkulturelles mit dokumentarischem theater verbunden zu einem edutainment-abend, der im ersten staatlichen fernsehen auf grund seiner provokation keinen redakteur für sich gewinnen könnte. während ich mich also endlich mit der inszenierung von nacktheit im neuen theater auseinandersetze und dergerstalt ungewohnten bildern aussetze, die mir in diesem fall gelungen erscheinen, zweifelt interessanterweise fräuleinwunder-mitglied melanie hinz mittlerweile an der wirkung der (weiblichen) nacktheit auf der bühne, die für sie ihre subversive kraft verloren hat. im nachgespräch kommt die frage nach leerstellen auf, deren ich nach einigem grübeln drei ausmache. erstens: die frage nach den inszenierungen von männlichkeit und deren zwanghafte wirkungen auf menschen mit biologisch als männlich definierten geschlechtsteilen wird angetippt, aber keinesfalls quantitativ gleichwertig zu den tagespolitischen debatten verhandelt. dabei könnte gerade ein feministisches theaterkollektiv wie die fräuleinwunder ag dazu einige interessante einsichten bieten. allerdings stellt sich die frage, ob die verhandlung neuer und alter männlichkeiten von power of pussy geleistet werden sollte, oder ob nicht im sinne einer fortsetzung/trilogie ein weiteres stück theater geschaffen werden müsste. zu diesem schluss kommt letzlich die gesprächsrunde. zweitens: power of pussy zeigt nicht die geschichte d e s feminismus, was etwas irreführend zum stück geschrieben wird. was sich auf den ersten blick wie korinthenkackerei anhört (ja schon klar, es gibt halt viele verschiedene feminismen, denn schließlich wollen wir ja erneuten kategorisierungen entgehen, bla bla blubb) erhält seine relevanz schon allein aus der dekonstruktivistischen forderung, geschichte nicht mehr nur aus einer perspektive zu erzählen, nämlich der weiß-patriarchal-männlich-wohlhabenden-perspektive. analog zu dieser definition erzählt nun aber power of pussy weitestgehend die jüngere geschichte eines weiß-liberalen wohlstands-feminismus westlicher prägung. das critical crafting, der kampf gegen den abtreibungsparagraphen 218, der tomatenwurf und valie exports tapp-und-tast-kino sind symptome einer bestimmten feministischen strömung westlich-weißer-wohlstandsgesellschaften. und obwohl auch dieser feminismus seine berechtigung hat und wichtige errungenschaften von weltweiter bedeutung vorweisen kann, so sollte dennoch nicht vergessen werden, dass hier nur eine perspektive aufgerollt und verarbeitet wird. Die behandlung der queer-theory fällt dagegen vergleichsweise kurz aus und wird auch nicht weiter problematisiert, oder gegenüber dem gezeigten feministischen ansatz entschieden abgegrenzt. damit spielt power of pussy kritiker_innen, wie martha nussbaum in die hände, die butler als begründerin der queer theory gerade in diese tradition stellen und dafür schärfstens verurteilen. die grabenkämpfe der neunziger zwischen butler-anhänger_innen und butler-gegner_innen bleiben ebenfalls unberücksichtigt, die zäsur des butlerschen theorems erfährt ein understatement. andere feminismen - etwa der postkoloniale feminismus mit seinen vertreter_innen, wie bell hooks, patricia hill collins, gayatri chakravorty spivak, oder jüngstens jyoti mistry, um nur einige, wenige zu nennen, gibt es in der welt von power of pussy nicht. das ist eigentlich gar nicht schlimm. denn angesichts der vielfalt an positionen sind 90 minuten theater keinesfalls geeignet um alles (gleich) zu behandeln. nur fehlt eben der hinweis und die selbstkritik. drittens: wo es in einem stück um selbstbestimmung und vor allem körperliche freiheit von frauen geht, wo tomaten und pamphlete aus vaginas getrieben, nackte körper kriegsbemalt und mit tomaten beworfen, bekleckert und eingerieben werden, da kommt die beschäftigung mit marginalen themen innerhalb der dargestellten feministischen strömung ebenfalls viel zu kurz. gerade letztes jahr stellte die ngo terre des femmes ihr jährliches frauenrechtefilmfestival in tuebingen unter das banner der gewaltfreien geburt, um nicht nur gegen die desolate berufliche lage von hausgeburtshebammen in deutschland zu protestieren, sondern das thema, wie frauen gebären (dürfen) generell in den fokus zu nehmen. Auch hier bleibt mindestens eine leerstelle offen, die wohl hinreichend mit den eigenen biographischen zugängen der schauspieler_innen zu erklären ist.
die dezidierte auseinandersetzung mit diesem thema treibt mich hin zu einem dritten blogeintrag, dem ich mich in kürze widmen werden und der den bogen zwischen dem mädchen mit dem unwilligen schamgefühl gegenüber der zurschaugestellten objektivierten weiblichen ideal-sexualität, über die unabhängigen selbstverwirklichungs-orientierten thirtysomething-fräuleins 1990er-Prägung, hin zu der frage nach feministischen müttern spannt. welches wissen wird uns - mit unserem einverständnis - vorenthalten? welcher erfahrungen werden wir beraubt und berauben wir uns selber? auf welchen ebenen findet versklavung, objektivierung, pathologisierung des weiblichen körpers weiterhin statt - auch hier wieder: mit unserem einverständnis und zuspruch?

die unerträgliche leichtigkeit des objekt(seins)

hildesheim, im april 2012. zum theaterfrühling lädt die freie szene und stellt einen bus - TheBus - mitten in die stadt, wo künstler_innen endlich auf bürger_innen treffen, wo interaktive interventions-stadt-kunst aufmerksamkeit für 25 jahre buntes und vielfalt schaffen soll. wir erleben ein gemengelage aus kreativen kreaturen, interessierten und uninteressierten einwohner_innen, obdachlosen erwachsenen und streunenden kindern. und so passiert es, dass inmitten eines verrückten erlebnisabends mit kunsthäppchen a la carte nicht nur die dörflerin auf dem Tisch tanzt, sondern zugleich ein junges mädchen, vielleicht zehn, vielleicht auch elf, sich als echte rampensau zu erkennen gibt. interventionistische kunst bleibt vor ihren eigenen mitteln nicht gefeit. und diese nervige junge person schafft es an diesem abend per clownerie, mikrofon-greifen und kinderlieder-singen nicht nur, das die anwesenden sogenannten erwachsenen über telepathie fragen nach den entsprechenden, augenscheinlich abwesenden erziehungsberechtigten austauschen, sondern auch, dass man sich fragt, ob die junge dame gerade das gesamte volk an künstler_innen und publikum veräppelt, ja beschimpft, und ob das etwas heilsames hat, weil man sich sofort mit der frage auseinandersetzt, was denn nun berechtigung hat, gehört und gesehen zu werden und was nicht. doch dazu möchte ich nicht weiter philosophieren, denn dieser blog verfolgt andere themen und so komme ich zu der anekdote, die sich am nächsten tag abspielte und in der das mädchen einmal mehr zum nachdenken anregt. zu fortgeschrittener stunde, um nicht zu sagen, als dessert, wurde dem publikum auf wunsch "sex on the rocks" serviert, eine interpretation des marylin-monroe-songs "diamonds are ...", inklusive der orgasmus-schniefenden monroe. die interpretation verdeutlichte auf keinerlei verborgene weise die gängige interpretation des blondie-femme-fatale-images der 1950-60er jahre einer jungen begehrenswerten frau, die sich für sex bezahlen lässt, ohne jedoch zu vergessen, dass diese "diamonds" ihr eine gewisse selbstständigkeit und wohl auch narrenfreiheit garantieren. soviel zu meiner persönlichen interpretation. unsere junge femme, noch gänzlich ohne fatal - kritisierte am nächsten tag als einzigen programmpunkt genau diese darbietung als ekelig. ihr unwohlsein bezog sich zweifelsohne auf die stimmliche darbietung eines weiblichen orgasmus, und ist einerseits im hinblick auf die gerade (noch nicht) zu entdeckende eigene sexualität eines nicht mehr zu jungen und noch nicht pubertären mädchens sehr verständlich. gerade in dem alter, in dem mädchen sich langsam bewusst werden, was für eine rolle ihnen in der gesellschaft zugedacht ist, wenn sie anfangen zu begreifen, was die schönen puppen die ihnen von den plakatwänden, monitoren, aus den hochglanzzeitschriften und in der werbepause - eigentlich immer und überall - zulächeln - was diese puppen von ihnen fordern, ruft die orgastische zurhörstellung jenes frauenbildes, dass unsere wahrnehmung von weiblichsein bis heute prägt, das unangenehme gefühl wach, "mit dem falschen geschlecht geboren worden zu sein" - ja, auf der verliererinnenseite zu stehen. so - wenigstens - meine persönliche interpretation. zu fragen wäre daher, ob und wie kunst - und das gilt gerade für die interventionistische straßenkunst - in der gesellschaft die (soziale und politische, ja die ethische) verantwortung übernehmen kann oder sogar muss, um den menschen vorzuführen, welchen (geschlechtlichen) rollenbildern sie verhaftet sind und mit diesen zu brechen, um dadurch nicht nur für künstlerische, sondern auch für menschliche vielfalt zu sorgen. dabei muss sie immer den schmalen grad zwischen re-inszenierung und subversion bewandern. über ihr gelingen entscheidet - das publikum.

Donnerstag, 12. April 2012

vorbilder_2

a] mihoko matsuoka

mit 50 jahren hat sie sich von ihrem mann getrennt und ist von düsseldorf nach brandenburg gezogen, um ein neues leben anzufangen. dort hat sie arbeit in einem kuhstall gefunden, als "master of the flowers and the bees". ein job, den sonst keiner haben wollte, denn er wird verschämend gering bezahlt.

sie aber lebt nach 50 jahren als ehefrau endlich ihr eigenes leben.

2010 filmte ich sie bei einem tanzprojekt.Trailer

b] yoko arisaka

machte als philosophin in san fransisco karriere, bevor sie die liebe zu einem deutschen nach hannover zog, wo sie mit ihren zwei kleinen söhnen, der räubertochter aus der ersten ehe ihres mannes und natürlich ihrem mann selbst lebt. seit 2008 unterrichtet sie wieder, "slowly reemerging on stage".

arisaka.org

c]gesa c. teichert

seit 2011 leitet sie das zif in hildesheim. als queer-feministisch-marxistisch-christlich-inspirierte wissenschaftlerin. sie ist mentorin meines promotionsprojektes und in der funktion habe ich selten eine engagiertere, hilfsbereitere, aufgeschlossenere und kompetentere person erlebt.

in diesem artikel berichtet sie über ihr leben als lesbische frau mit sogenannter behinderung.