Dienstag, 1. Mai 2012
die unerträgliche leichtigkeit des objekt(seins)
hildesheim, im april 2012. zum theaterfrühling lädt die freie szene und stellt einen bus - TheBus - mitten in die stadt, wo künstler_innen endlich auf bürger_innen treffen, wo interaktive interventions-stadt-kunst aufmerksamkeit für 25 jahre buntes und vielfalt schaffen soll. wir erleben ein gemengelage aus kreativen kreaturen, interessierten und uninteressierten einwohner_innen, obdachlosen erwachsenen und streunenden kindern.
und so passiert es, dass inmitten eines verrückten erlebnisabends mit kunsthäppchen a la carte nicht nur die dörflerin auf dem Tisch tanzt, sondern zugleich ein junges mädchen, vielleicht zehn, vielleicht auch elf, sich als echte rampensau zu erkennen gibt. interventionistische kunst bleibt vor ihren eigenen mitteln nicht gefeit. und diese nervige junge person schafft es an diesem abend per clownerie, mikrofon-greifen und kinderlieder-singen nicht nur, das die anwesenden sogenannten erwachsenen über telepathie fragen nach den entsprechenden, augenscheinlich abwesenden erziehungsberechtigten austauschen, sondern auch, dass man sich fragt, ob die junge dame gerade das gesamte volk an künstler_innen und publikum veräppelt, ja beschimpft, und ob das etwas heilsames hat, weil man sich sofort mit der frage auseinandersetzt, was denn nun berechtigung hat, gehört und gesehen zu werden und was nicht.
doch dazu möchte ich nicht weiter philosophieren, denn dieser blog verfolgt andere themen und so komme ich zu der anekdote, die sich am nächsten tag abspielte und in der das mädchen einmal mehr zum nachdenken anregt.
zu fortgeschrittener stunde, um nicht zu sagen, als dessert, wurde dem publikum auf wunsch "sex on the rocks" serviert, eine interpretation des marylin-monroe-songs "diamonds are ...", inklusive der orgasmus-schniefenden monroe. die interpretation verdeutlichte auf keinerlei verborgene weise die gängige interpretation des blondie-femme-fatale-images der 1950-60er jahre einer jungen begehrenswerten frau, die sich für sex bezahlen lässt, ohne jedoch zu vergessen, dass diese "diamonds" ihr eine gewisse selbstständigkeit und wohl auch narrenfreiheit garantieren. soviel zu meiner persönlichen interpretation.
unsere junge femme, noch gänzlich ohne fatal - kritisierte am nächsten tag als einzigen programmpunkt genau diese darbietung als ekelig. ihr unwohlsein bezog sich zweifelsohne auf die stimmliche darbietung eines weiblichen orgasmus, und ist einerseits im hinblick auf die gerade (noch nicht) zu entdeckende eigene sexualität eines nicht mehr zu jungen und noch nicht pubertären mädchens sehr verständlich. gerade in dem alter, in dem mädchen sich langsam bewusst werden, was für eine rolle ihnen in der gesellschaft zugedacht ist, wenn sie anfangen zu begreifen, was die schönen puppen die ihnen von den plakatwänden, monitoren, aus den hochglanzzeitschriften und in der werbepause - eigentlich immer und überall - zulächeln - was diese puppen von ihnen fordern, ruft die orgastische zurhörstellung jenes frauenbildes, dass unsere wahrnehmung von weiblichsein bis heute prägt, das unangenehme gefühl wach, "mit dem falschen geschlecht geboren worden zu sein" - ja, auf der verliererinnenseite zu stehen. so - wenigstens - meine persönliche interpretation.
zu fragen wäre daher, ob und wie kunst - und das gilt gerade für die interventionistische straßenkunst - in der gesellschaft die (soziale und politische, ja die ethische) verantwortung übernehmen kann oder sogar muss, um den menschen vorzuführen, welchen (geschlechtlichen) rollenbildern sie verhaftet sind und mit diesen zu brechen, um dadurch nicht nur für künstlerische, sondern auch für menschliche vielfalt zu sorgen. dabei muss sie immer den schmalen grad zwischen re-inszenierung und subversion bewandern. über ihr gelingen entscheidet - das publikum.
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